Erfahrungsbericht aus dem Hilfseinsatz in Slowenien / Stromausfall

Andreas Herndler, Chief of Staff in der Base of Operation Logatec, Emergency Power Supply Austria for the Republic of Slovenia und Teilnehmer des nationalen Workshops "Plötzlich Blackout!" hat dankenswerter Weise einen Bericht über seinen Hilfseinsatz in Slowenien zur Verfügung gestellt.

 

Hier können sicher nützliche Ableitungen für die Bewältigung eines möglichen Blackouts getroffen werden, wenngleich die Szenarien nur bedingt vergleichbar sind. 

Die Auseinandersetzung und Vorbereitung auf ein Blackout hilft aber auf jeden Fall auch bei der Bewältigung eines lokalen/regionalen Ereignisses. 

 

Weitere Einblicke liefert auch www.fireworld.at

Einsatzerfahrungen

Am 02.02.2014 ereilte die NÖ Feuerwehr der Hilferuf der Slowenischen Regierung. Nach einem Eisregen am 31.01.2014 war es zu einem großflächigen Stromausfall in Slowenien gekommen, rund 90 % des Staatsgebietes waren betroffen und 200.000 Haushalte ohne Strom. Das Verteilnetz (siehe auch Eine Analyse zur aktuellen Situation in Südösterreich und Slowenien) war durch den Eisregen stark in Mitleidenschaft gezogen worden.

 

Eisschichten von bis zu 50 cm auf Dächern, zu 15 cm dicken Eiswänden mutierte Maschendrahtzäune, kilometerlang vereiste Hochspannungsleitungen, … haben die Infrastruktur des Landes in die Knie gezwungen.

 

In den frühen Morgenstunden des 03.02.2014 machten sich daher rund 110 Feuerwehrmitglieder aus Niederösterreich und 10 Feuerwehrmitglieder aus Salzburg mit

  • 1 x 100 kVA, 
  • 23 x 150 kVA, 
  • 1 x 175 kVA und 
  • 2 x 500 kVA-Aggregaten 

auf den Weg in das slowenische Postojna.


Kurz nach der österreichisch-slowenischen Grenze konnte man erste Anzeichen des Stromausfalles bemerken, bei einer ersten Lagebesprechung mit der slowenischen Regierung (Premierminister, Verteidigungsminister, Infrastrukturminister) wurde das ganze Schadensausmaß bekannt, und die österreichischen Einheiten wurden ersucht sich auf einen 14-tägigen Einsatz einzustellen:

  • 90 % von Slowenien sind betroffen
  • 200.000 Haushalte sind ohne Strom
  • die Hauptstadt Ljubljana ist glücklicherweise nicht zu stark betroffen
  • auf das europäische Netz konnten keine negativen Auswirkungen verzeichnet werden, da der Ausfall kaskadiert erfolgte und zum Zeitpunkt des Ausfalles rund 50 % der Abnehmer von slowenischen AKW versorgt wurden
  • am stärksten betroffen ist die Region Süd-West-Slowenien (Postojna)
  • keine Kommunikationsmöglichkeit (weder Festnetz, noch Mobiltelefonie, noch Sat-Telefonie)
  • keine Heizmöglichkeit
  • Lebensmittelversorgung stark beeinträchtigt
  • Trinkwasserversorgung stark beeinträchtigt
  • medizinische Versorgung stark beeinträchtigt
  • Betriebsmittelversorgung eingeschränkt, jedoch funktionstüchtig (Wartezeiten)
  • Nutztierhaltung stark beeinträchtigt bzw. gefährdet
  • Information der Bevölkerung schwierig bis nicht möglich (Aushänge auf Amstafeln)

In der Zivilschutzschule von Logatec wurde die Base of Operations (BoO) des Österreich-Kontingents errichtet, und in weiterer Folge eine Kooperationszelle mit den Kräften aus Deutschland (THW und Feuerwehr), der Tschechischen Republik (Feuerwehr) und Slowenien (Zivilschutz) errichtet, um den Hilfseinsatz gemeinsam mit dem EVU zu koordinieren.

 

Als besonders schwierig stellte sich zu Beginn des Einsatzes die Koordination der Einsatzkräfte dar, da einerseits die Kommunikation nur über Amateurfunk möglich war, und die Kräfte über das gesamte Staatsgebiet von Slowenien verteilt waren.


Prioritär wurde die Grundversorgung des Landes mit Betriebsmittel, Lebensmittel, Trinkwasser und medizinischer Versorgung wiederhergestellt. Erst in weiterer Folge konnte die Energieversorgung der Bevölkerung sukzessive wiederhergestellt werden.
In weiterer Folge konnten seitens des EVU daher Strominseln geschaffen werden, die mit den zur Verfügung gestellten Notstromaggregaten versorgt werden konnten. Teilweise kam es immer wieder zu Unterbrechungen der Einspeisung, da es im Ortsverteilungsnetz immer wieder zu Kurzschlüssen gekommen ist, bzw. insbesondere im urbanen Bereich keine Mentalität zum behutsamen Umgang mit dem Stromressourcen vorhanden war, und regelmäßig in den Nachmittags- bzw. Abendstunden die Aggregate an ihre Leistungsgrenzen herangeführt wurden.


Mit Stand 10.02.2014 22:30 befanden sich noch rund 15.000 Personen ohne Strom (von anfänglich 200.000 Haushalten). Der Hilfseinsatz der österreichischen Feuerwehren, welcher ab Freitag auch von Kräften aus Wien unterstützt wurde, wird noch Wochen andauern.

 

Besonderheiten / Auffälligkeiten:

  • Entlang der A1 war die Kommunikation in den Tankstellen interessanterweise von Anfang an möglich, weswegen wir dort unsere Kommunikationsstellen errichtet haben.
  • Die Mobilnetze haben sich 4-5 Tage nach dem Ereignis begonnen zu regenerieren bzw. im wahrsten Sinne des Wortes „aufzutauen“. Vermutlich waren die Mobilfunksender nicht wirklich beschädigt (da keine Leitungsverspannungen und somit keine extremen Belastungen durch Gewicht und Wind), sondern lediglich eingefroren und mit dicken Eisschichten überzogen. Mit einsetzendem Tauwetter hat sich diese Situation wieder beruhigt. Einzelne Mobilfunklöcher konnten wir mit eigenen Funkmitteln und Richtfunkstrecken versorgen und so unsere Kommunikation sicherstellen.
  • Kommunikation via Sat nur äußerst eingeschränkt möglich und sehr fehleranfällig -> Kommunikation via Amateurfunk
  • die Bevölkerung hat das Ereignis überraschend ruhig und diszipliniert ertragen
  • Beobachtung eines starken Stadt-Land-Gefälles: die Bevölkerung am Land unterstützt sich gegenseitig („Grätzel-Bildung“) und versucht sogar nach Wiederrichtung der Energieversorgung Strom zu sparen, im urbanen Bereich hingegen wurde die Energie nahezu verschwendet
  • Tankstellen entlang der Autobahn A1 verfügen über Lichtwellenanbindung und Notstromaggregate (Abgabe von Betriebsmittel und Kommunikation via Internet möglich)
  • das Mittel der zweiten Wahl zur Kommunikation (nach dem Amateurfunk) waren webbasierende Technologien wie z.B. Skype o.ä.
  • öffentliche und medizinische Einrichtungen verfügen oftmals über eine eigene Notstromversorgung -> Einsatzkräfte konnten sich auf andere hot spots konzentrieren
  • Engpass an Fachkräften des EVU
  • im Falle einer solchen Katastrophe wäre es hilfreich seitens der Mobilnetzbetreiber die Roaming-Gebühren für die Hilfskräfte zu erlassen

Last but not least, nach der 1st mission in Slowenien: die slowenische Bevölkerung ist für die internationale Hilfe mehr als dankbar und bietet jegliche nur erdenkbare Unterstützung!

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Kommentare: 7
  • #1

    Rudi (Sonntag, 16 Februar 2014 15:13)

    Warum war die "Kommunikation via Sat nur äußerst eingeschränkt möglich und sehr fehleranfällig" ?

  • #2

    licht-aus (Sonntag, 16 Februar 2014 20:44)

    Die Ursache ist noch nicht bekannt. Derzeit laufen entsprechende Untersuchungen. Sobald weitere Informationen vorliegen, werden wir diese hier auch bekannt geben.

    Möglicherweise ein Hinweis, dass wir uns auf dieses System nicht zu sehr oder zumindest nicht alleine im Fall eines Blackouts verlassen sollten.

  • #3

    Mike Zwingl, OE3MZC (Montag, 17 Februar 2014 13:10)

    ich hatte auf meinen Reisen in der Wüste in Namibia ähnliche Probleme mit dem SAT-Telefon
    und die Ursache war gar nicht technisch, sondern der in Europa freigeschaltete Tarif war für Afrika nicht Roaming-fähig...
    also auch solche Themen schlagen bei kommerziellen Kommunikationsmitteln voll zu.
    lg

  • #4

    OeVSV (Montag, 17 Februar 2014 13:17)

    Die Funkamateure haben übrigens das eigene Kurzwellenfunk-Datennetz WinLink verwendet:
    http://www.winlink.org/
    Dazu benötigt man nur ein KW-Funkgerät an Autobatterie und ein Stück Draht als Antenne, sowie ein Funkmodem mit Laptop.
    Gatewaystationen befinden sich über die Welt verteilt, sodass man leicht aus dem Krisengebiet Nachrichten (eMails) heraus u. hereinschicken kann.

  • #5

    Andreas Herndler (Mittwoch, 26 Februar 2014 08:10)

    Update nach meinem zweiten Einsatz: die Sat-Kommunikation war vermutlich aufgrund des vielen Eises beeinträchtigt, sich selbst ausrichtende Sat-Schüsseln haben sich mitunter minutenlang mit Hausmauern "unterhalten". Eine weitere Analyse ist im Gange.

  • #6

    Plötzlich Blackout! (Donnerstag, 27 Februar 2014 19:45)

    Folgende weitere Erkenntnisse wurden am 27.02.14 zur Verfügung gestellt:

    Die Funktionsfähigkeit der kleinsten Verwaltungsebene Gemeinde ist unerlässlich. Unsere Feuerwehren berichteten von gut organisierten Gemeinden bzw. Freiwilligen Feuerwehren. Auch der lokale Energieversorger dürfte personell gut aufgestellt gewesen sein.
    Ebenso das staatliche Krisenmanagement bot den Gästen beste Ansprechpartner und auch Support.

    Die Resilienz der Bevölkerung wurde als sehr hoch beurteilt und drückte sich durch eine sehr hohe Selbsthilfefähigkeit aus. Teilweise versorgte die Bevölkerung aus Dankbarkeit die Einsatzkräfte mit Getränken, Speisen und selbstgemachten Mehlspeisen. Gekocht wurde auf Gas- und Holzöfen.

    Wie wir bereits seit Jahren wissen sind die slowenischen Autobahntankstellen notstromversorgt, was sich sehr bewährt hat. Dadurch ist der internationale Reiseverkehr, der im Winter nicht so gravierend ist, nicht liegen geblieben.

  • #7

    Wolf Höller (Montag, 10 März 2014 12:51)

    In der Katastrophenhilfe ist es immer besser mehrere Kommunikationswege in der Rückfallebene bereit zu halten und sich niemals auf nur ein Mittel (z.B. Satellitenverbindungen) zu verlassen. Der Sparstift der Verantwortlichen ist oft mächtiger als die Vernunft.